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Posted on Tue, Sept. 16, 2003
Letzte Jagd auf NS-Verbrecher
Wien - Der NS-Kriegsverbrecher-Jäger
und Leiter des Jerusalemer Wiesenthal Centers, Efraim
Zuroff, gab am Dienstag in Wien den Startschuss für
die "Operation letzte Chance" zur Ergreifung
österreichischer NS-Täter. Im vergangenen
Jahr erfolgreich im Baltikum gestartet, soll nun auch
hier zu Lande eine in Aussicht gestellte Prämie
in Höhe von 10.000 Dollar (8.864 Euro) für
Hinweise auf noch nicht verurteilte Kriegsverbrecher
des Nazi-Regimes zur Ergreifung von NS-Tätern führen.
In einer Pressekonferenz prangerte Zuroff an, dass Österreich
im Ländervergleich jener Staat sei, der am wenigsten
aktiv zur Verfolgung und Verurteilung von NS-Verbrechern
beigetragen habe.
Inseratenkampagne in heimischen
Printmedien
Der Financier hinter der jüngsten Aktion Zuroffs
ist Aryeh Rubin, Vertreter der Stiftung Targum Shlishi.
Rubin betonte am Dienstag: Er hoffe, für die betroffenen
Kriegsverbrecher werde die letzte Nacht die letzte friedvoll
verbrachte Nacht sein. Denn ab sofort müsse sich
jeder, der kein reines Gewissen bezüglich seiner
Teilnahme an NS-Verbrechen habe, vor Verfolgung fürchten.
Das Wiesenthal Center wird dazu in den heimischen Printmedien
Anzeigen schalten, in denen eine Telefonnummer genannt
wird, an die man sich wenden kann. Per E-Mail kann man
sich zudem direkt an das Center in Jerusalem wenden,
und zwar unter: swcjerus@netvision.net.il. Die Prämie
wird dann ausbezahlt, wenn ein Hinweis zur Verfolgung
und Verurteilung der genannten Person geführt hat.
Böhmdorfer sichert volle
Kooperation zu
Eine Liste mit 47 Namen potenzieller NS-Kriegsverbrecher
hat Zuroff bereits dem Justizministerium vorgelegt und
in der Angelegenheit auch gestern, Montag, Nachmittag
ein Gespräch mit Justizminister Dieter Böhmdorfer
(F) geführt. Dazu betonte Zuroff, Böhmdorfer
habe "die richtigen Dinge gesagt" und volle
Kooperation zugesichert. Es sei allerdings "leicht,
das Richtige zu sagen" - zu messen werde Böhmdorfer
und Österreich an den Taten sein.
Besonderes Augenmerk auf Polizei-Bataillone
Die übergebene Liste, bei der man nicht wisse,
ob alle Betroffenen einerseits noch leben, sich andererseits
in Österreich aufhalten würden, sei aber nur
"die Spitze des Eisbergs", betonte Zuroff.
Besonderes Augenmerk hat das Wiesenthal Center auf das
Thema Polizei-Bataillone gelegt. Zahlreiche Vertreter
solcher Bataillone seien Österreicher gewesen -
im Gegensatz zu Deutschen habe es aber keine einzige
Verurteilung eines Bataillon-Angehörigen gegeben.
Der deutsche Historiker Stefan Klemp hat dazu für
das Center Recherchen durchgeführt, die ergaben,
dass rund 500.000 Opfer auf das Konto der Bataillone
gingen. Bisher war man immer von einer Opferzahl von
100.000 ausgegangen.
Bei Verfolgung "Schlusslicht
in Europa"
Zuroff hielte es daher für angebracht, in Österreich
- wie das in anderen Staaten schon längst geschehen
sei - eine eigene Stelle einzurichten, die sich auf
die Suche nach NS-Kriegsverbrechern mache, denn noch
sei es nicht zu spät. Der Präsident der Israelitischen
Kultusgemeinde (IKG), Ariel Muzicant, meinte, es wäre
schon ein Beitrag geleistet, wenn man sich jene ansehen
würden, die sich immer noch zu SS-Kameradschaftsstreffen
zusammenfänden und entsprechende Untersuchungen
starten würde. Muzicant betonte, dass Österreich
zwar in der Verbotsgesetzgebung sehr viel getan habe,
aber was die Verfolgung und Verurteilung von Nazi-Verbrechern
angehe, "das Schlusslicht in Europa" sei.
Polizeibataillone - Noch kein
Österreicher verurteilt
Polizeibataillone haben im Zweiten Weltkriegs Zehntausende
von Zivilisten vertrieben, deportiert und erschossen.
Laut neuesten Forschungen von Stefan Klemp, wissenschaftlicher
Mitarbeiter des Simon Wiesenthal Centers, beträgt
die Zahl der Opfer sogar eine halbe Million. Viele der
beteiligten Polizisten kamen aus Österreich, es
gab auch rein österreichische Bataillone. Dennoch
wurde bis jetzt in Österreich kein einziger Angehöriger
eines solchen Bataillones vor einem Gericht verurteilt,
hielt Klemp am Dienstag fest.
Österreichische Beteiligte
beschuldigt
In Deutschland kam es bis jetzt zu 15 Schuldsprüchen,
verschiedene Verfahren laufen noch. Im Zuge der Ermittlungen
in Deutschland wurden auch österreichische Beteiligte
erwähnt und beschuldigt. Folgende Aussagen über
die österreichischen Polizisten S. und H. stammen
etwa aus einem Dortmunder Ermittlungsverfahren gegen
Angehörige des Polizeibataillons 316: "Diesen
(einigen Juden, Anm.) befehligte S., sich hinten an
die Brake des fahrenden LKWS zu hängen. Während
der Fahrt schlug S. mit einem Seitengewehr auf die Hände
der sich festhaltenden Juden. (...) H. verhielt sich
ähnlich wie S., wo er Leute schikanieren konnte,
machte er das." Österreichische Angehörige
des besagten Bataillons 316 seien dementsprechend berüchtigt
gewesen, so Klemp.
Gemeinsam mit dem Bataillon 322 aus Wien
Kagran wurde das Bataillon 316 ab Juni 1941 in der Sowjetunion
eingesetzt, führte Klemp weiter aus. Die beiden
Bataillone hätten nach Feststellung deutscher Staatsanwaltschaften
je etwa 10.000 Juden erschossen. Knapp 20 Österreicher
gehörten dem III. Bataillon des SS-Polizeiregiments
23 an, das unter anderem zur Ermordung der Bewohner
des Warschauer Ghettos im Jahr 1943 eingesetzt wurde.
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